Kaiser Franz Joseph – Libényi Attentat (Teil 2)

Kaiser Franz Joseph I, Gemälde nach Eduard Klieber, 1851, Foto: @Dorotheum  Wien

„Sei brav, es ist gern geschehen“ mit diesen Worten verabschiedete sich Ex-Kaiser Ferdinand I. von seinem Neffen und jetzigen Kaiser Franz Joseph und übergab ihm ein mehr oder weniger desolates Reich.
Danach war der Kaiser auf sich allein gestellt. Natürlich hatte er seine Minister und seine Mutter um sich, aber der 18jährige Franz Joseph wurde mit einer Herrschaft betraut, die schwieriger nicht hätte sein können.

Unseren Beitrag zur Kindheit von Kaiser Franz Joseph (Teil 1) können sie hier nachlesen.

Gleich zu Beginn sei erwähnt, dass wir die politischen Probleme und Schachzüge, ob gut oder schlecht, nicht aufarbeiten werden. Uns geht es einzig darum, die Personen und deren Charakter bzw. Leben zu beschreiben. Wer an der Politik der Habsburger interessiert ist, wendet sich bitte an die zahlreich erschienenen Publikationen.  Danke!

Damit wenden wir uns vom Jahr 1848 ab und gehen weiter ins Jahr 1853.

Am 18.2.1853 fand ein Attentatsversuch statt, der noch Jahre nachhallen und viele neue Wege bereiten sollte.

Wir werden nicht den Versuch unternehmen und die politische Situation dieser Tat hervorzuheben; sondern vielmehr die historischen Ereignisse nach der Tat aufarbeiten. Wer an der Politik der Habsburger interessiert ist, wendet sich bitte an die zahlreich erschienenen Publikationen. Danke!

Kaiser Franz Joseph ging, wie jeden Tag zu Mittag an der Kärntner Bastei spazieren. Einzig sein Flügeladjutant Maximilian Karl Lamoral Graf O’Donell von Tyrconell (*29.10.1812, †14.10.1895) begleitete ihn. Vom Basteiwall aus, wollte der Kaiser den exerzierenden Truppen zusehen, als er plötzlich von hinten, von einem jungen Mann angesprungen wird. Dieser versuchte ihm ein Messer ins Genick zu stechen.

Lajos Kossuth de Kossuth et Udvard, Lithographie August Prinzhofer 1848, Foto: Wikimedia/Commons

Maximilian Karl Lamoral, Graf O’Donell von Tyrconell 1853, Foto: Wikimedia/Commons

Was dann wirklich geschah, ist heute kaum noch richtig zu rekonstruieren, aber in den vielen Geschichtsbüchern wurde überliefert, dass eine Frau, die von einem Fenster die Szene beobachtet hatte, laut aufgeschrien und sich deshalb Franz Joseph umdrehte. Deshalb verfehlte der Attentäter sein Ziel. Stattdessen erwischte er nur den Uniformkragen. Von der Schnalle auf der Halsbinde glitt die Klinge erneut ab und traf den Kaiser in den Hals. Dabei rief er laut: „Eljen Kossuth“. (Es lebe Kossuth). Lajos Kossuth de Kossuth et Udvard (*19.9.1802, †20.3.1894) war ein Revolutionär, der 1849 die ungarische Republik ausrief und vom Exil aus die Loslösung Ungarns von Österreich propagierte.

Als der Attentäter nochmals zustechen wollte, zog O’Donell sofort seinen Säbel. O’Donell wurde bei dem folgenden Gerangel an der Hand verletzt, als er den Täter zu Boden werfen wollte und dabei vom Messer getroffen wurde. In dem Augenblick als der Täter am Boden lag, kam der ehemalige Fleischhauer und Privatier Josef Ettenreich vorbei und half O’Donell, in dem er den Täter mit den Fäusten schlug und ihn niederhielt. Kaiser Franz Josef schrie auf: „Schlagen Sie ihn nicht, man soll ihn arretieren.“

Attentatsversuch 18.2.1853 v.l.n.r.: Graf O’Donell, Kaiser Franz Joseph, János Libenyi, Josef Ettenreich Gemälde: J.J.Reiner, 1853 Foto: @Wien Museum Karlsplatz

Der Kaiser, der kaum verletzt schien, aber stark blutete, beruhigte die versammelten Leute mit den Worten: „Beruhigt euch, es ist nichts! Ich trage nur das Schicksal meiner braven Soldaten in Mailand.“ (1)

Der Kaiser spielte auf den Verlust der 12 österreichischen Soldaten beim Aufstand in Mailand an, welcher am 6.2.1853 stattfand.

Mittlerweile konnte der Attentäter abgeführt werden. Es handelte sich dabei um János Libényi, welcher im Dezember 1831 in Csákvár, Ungarn geboren wurde. Über seine Kindheit ist uns leider nichts in die Hände gefallen. In den schwierigen Revolutionsjahren 1848/49 war er Militärschneider für die Aufständischen. Ab 1851 lebte er als Schneider in Wien.

Freiherr Johann Nepomuk Seeburger Foto: @ÖNB

Freiherr Joseph Wattmann von Maëlcamp-Beaulieu, Lithographie Joseph Kriehuber 1844, Foto: Wikimedia/Commons

Derweil wurde Kaiser Franz Joseph ins Albrechtspalais gebracht, wo er von den eilig herbeigerufenen Ärzten, dem pensionierten Chirurgen von Kaiser Franz II/I Freiherr Joseph Wattmann von Maëlcamp-Beaulieu (*6.3.1789, †14.9.1866) und der kaiserliche Leibarzt Freiherr Johann Nepomuk Seeburger (*29.4.1800, †7.5.1870) die beide die Wunde untersuchten. Da Graf O’Donell leicht hysterisch meinte, die Klinge könnte vergiftet worden sein, saugte Seeburger die Wunde aus. Diese war 2,54 cm lang und klaffte stark auseinander. Sie blutete heftig, war aber nicht allzu tief. Während alle anderen den Schrecken nur sehr schwer verarbeiteten, war Kaiser Franz Joseph putzmunter. Als Erzherzog Ferdinand Maximilian im Albrechtspalais ankam, fand er einen kaltblütig wirkenden Kaiser vor. „Es ist gar nichts … daß nur meine Mutter nichts davon erfährt.“ (2)

 

Tatwaffe vom Attentatsversuch auf Kaiser Franz Joseph, 18.2.1853. Foto: @Privat – Ausstellung 2016, 100 Jahre Kaiser Franz Joseph – Hofmobiliendepot Wien

Bei der Tatwaffe handelte es sich um ein gewöhnliches Küchenmesser, dem Libényi eine doppelte Klinge geschliffen hatte. 14 Tage saß er täglich auf der selben Bank, um den Kaiser bei seinem Spaziergang zu beobachten. Eine Verschwörung und Mittäterschaft mehrerer Personen konnte nie nachgewiesen werden.

Libényi nannte nie wirklich ein Motiv. Angeblich war er wegen der vielen Hinrichtungen in seinem Land in den Revolutionsjahren so aufgebracht gewesen, dass er auf Kaiser Franz Joseph einen unbändigen Hass entwickelt hatte. Er verehrte Kossuth über alle Maße und glaubte, dass dessen Reden die einzig richtigen wären.

1920 ist eine sehr zweifelhafte Version eines Oberpolizeirates und Kriminalschriftstellers aufgetaucht: Angeblich soll Franz Joseph eine Affäre mit Margit Libényi, der Schwester von János gehabt haben. Um die Familienehre wieder herzustellen, wollte er Margit rächen. Dieses Gerücht ließ sich nie aufgreifen.

Vor seinem Tod nannte Libényi seinen Freund Johann Misits, den man nach seinem Tod verständigen sollte.
Am 26.2.1853 wurde er bei der Spinnerin am Kreuz in Favoriten bei Wien (damals noch bei Wien, heute ist Favoriten der 10. Gemeindebezirk) per Strang hingerichtet.

Und weil die Wiener immer gerne Spottverse gedichtet haben, wurde auch eins auf den Tod des Schneiders gedichtet. In der 2ten Zeile merkt man, dass damals Kaiser Franz Joseph beim Volk noch nicht sehr beliebt war. Wobei der genannte Ort eine Mär ist. Im Vers lautet es „Simmeringer Had“ (Simmeringer Heide, 11. Wiener Gemeindebezirk), Libényi jedoch starb bei der Spinnerin am Kreuz, in Favoriten.

Auf der Simmeringer Had‘, hat’s an Schneider verwaht
es g’schicht ihm schon recht, warum sticht er so schlecht.
Auf der Simmeringer Had‘, hat’s an Schneider verwaht
mit der Nadel samt dem Öhr, samt dem Zwirn und der Scher‘.
Auf der Simmeringer Had‘, hat’s an Schneider verwaht
allen sei es a Lehr, er lebt nimmermehr
Und Leut’ln hurcht’s auf, der Wind hört schon auf,
gang er allerweil so furt, wa ka Schneider mehr durt.

Im übrigen ist das Wiener Mundart ;-). Es zu übersetzen, würde den Wiener Charme zerstören; aber ein paar Worte „übersetze“ ich:
verwaht = veraltet für aufgehängt
g’schicht = geschieht
hurcht’s = aufhorchen

Johann Misits ereilte ein böses Schicksal. Ob er wirklich an der Verschwörung zur Tat beteiligt war, konnte ich leider nicht herausfinden. 18 weitere Schneidergesellen wurden verhaftet. Misits wurde zu 20 Jahren Schanzarbeit (schwere Erdarbeiten mit Spaten) in schwerem Eisen verurteilt.

Während der eine starb und der andere vielleicht für eine Tat verurteilt wurde, die er nicht beging, wurden zwei andere gehuldigt und verehrt und der Dritte vergessen.

Franz Joseph wurde von vielen Seiten zu seiner Tapferkeit belobigt. Viele Glückwünsche trafen in der Wiener Hofburg ein. Papst Pius IX sendete eine Reliquie des heiligen Petrus, die noch heute in der Schatzkammer bewundert werden kann.

Johann Baptist Strauss (Johann Strauss „Sohn“), Lithographie Josef Kriehuber, 1853 Foto: Wikimedia/Commons

Johann Strauß Sohn komponierte den „Kaiser Franz Joseph I.-Rettungs-Jubelmarsch (Op. 126)“ (3). Nach dem sich der Kaiser von seiner Verletzung erholt hatte (er litt unter Fieber und hatte ein eingeschränktes Sehvermögen) und er erstmals am 12. März 1853 wieder ausfahren konnte, bekam er viele Ovationen von den Menschen, die sich auf den Straßen versammelt hatten. Generell hatte sich die Beliebtheit des Kaisers durch diesen Vorfall erhöht. Nur in Italien und Ungarn ärgerte man sich, dass der Schneider nicht besser getroffen hatte. Eine Schmähschrift: „Lieber Franz I. Luder und Schelm! Es tut mir Leid vernommen zu haben, daß das schöne Attentat gegen Euch am 18. Februar zunichte geworden ist, denn wäre es gelungen, hätte man in Padua große Freude gehabt, weil ein Barbar weniger auf der Welt wäre, der Italien, den Garten Gottes tyrannisiert.“ (4)

Vergessen hingegen wurde der Flügeladjuant Graf O’Donell. Auch wenn ihm Dankschreiben ereilten und er (und Ettenreich) eine Büste am Heldenberg bekam(en), wurde er nicht so gehuldigt wie Josef Ettenreich. O’Donell zog sich daraufhin beleidigt in sein Privatleben zurück.

Josef Christian Ettenreich, Lithographie August Dauthage 1853; ab 23.4.1853 Josef Christian Ritter von Ettenreich, Foto: Wikimedia/Commons

 

Josef Christian Ettenreich (*25.8.1800, †4.2.1875) wurde am 20.2.1853 mit dem Franz Joseph-Orden ausgezeichnet. Weiters wurde er am 23.4.1853 in den Adelsstand erhoben und hieß ab sofort Josef Ritter von Ettenreich. Am 25.4.1853 bekam er noch die Salvatormedaille der Stadt Wien verliehen.

 

 

 

 

 

Franz Josephs Orden, verliehen an Josef Ettenreich am 20.2.1853, Foto: @Alex.ryazantsev

Salvatormedaille, Vorderseite, verliehen an Josef Ettenreich am 25.4.1853 Foto: @wien.gv.at/salvatormedaille

Salvatormedaille, Hinterseite, verliehen an Josef Ettenreich am 25.4.1853 Foto: @wien.gv.at/salvatormedaille

Schatulle zur Salvatormedaille, verliehen an Josef Ettenreich am 25.4.1853 Foto:@wien.gv.at/salvatormedaille

Gedenktafel am ehemaligen Gasthof „Zum Grauen Adler“ (im Besitz von Ettenreich) – Margaretenstraße 9, 1040 Wien Foto: @viennatouristikguide.at

Zeit seines Lebens war Franz Joseph dem Fleischhauer für sein Einschreiten dankbar. Als Ettenreich schließlich 1875 starb, bekam er im 10. Wiener Gemeindebezirk seine eigene Gasse, die „Ettenreichgasse“.

Mosaiktafel in der Ettenreichgasse Nr. 22, Foto: @Reinmichl

 

Nora Hiltl (1954) Foto: @wien.gv.at/norahiltl

Die Zuneigung ging so weit, dass Ettenreichs Tochter Barbara (*18.1.1830, †7.1.1908) als sie Robert Neumann von Spallart heiratete, der Adelstitel auf den Schwiegersohn übertragen wurde, womit der Name „Ritter Neumann-Ettenreich“ gegründet wurde und einige berühmte Personen hervorbrachte. Enkel Robert wurde „ständiger Berichterstatter des österreichischen Verfassungsgerichtshofes“, Ur-Enkel Robert wurde Physiker und Ur-Ur-Enkelin Nora Hiltl (*21.6.1905, †2.1.1979) war eine berühmte Politikerin.

 

Heinrich Freiherr von Ferstel, Lithographie A. Schubert 1880, Foto: Wikimedia/Commons

Zu guter Letzt und zur Erinnerung an das Überleben von Kaiser Franz Joseph, erwirkte sein Bruder Erzherzog Ferdinand Maximilian, dass eine Kathedrale errichtet werden sollte. Er rief zu einem Spendenaufruf auf, dem 300.000 Bürger folgten. Heinrich Freiherr von Ferstel (*7.7.1828, †14.7.1883) der damals mitten in den Bauarbeiten zum Bank- und Börsengebäude (das heutige Palais Ferstl) steckte, wurde mit den Bauarbeiten zur Votivkirche beauftragt.

Ferstl, der einer der besten Architekten dieser Zeit war, hat uns so wunderbare Bauten wie das zB eben genannte Palais Ferstl (früher das Gebäude zur österreichischen-ungarischen Nationalbank und Wiener Börse), Palais Wertheim, Museum für Angewandte Kunst, Palazzo del Lloyd (Triest) und das Hauptgebäude der Universität Wien hinterlassen. Er starb leider bereits mit 55 Jahren. Sein Mausoleum ist einer kleinen gotischen Kirche nachempfunden. Zu finden ist es am Grinzinger Friedhof.

 

Grundsteinlegung Votivkirche. Kolorierte Lithographie F. Kollarz. 1856 Foto: @ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Am 24.4.1856 wurde unter dem Beisein von Kaiser Franz Joseph, Kardinal Rauscher und 80 Bischöfen und Erzbischöfen der Grundstein gelegt.

 

Bau der Votivkirche; Chorpartie Richtung Theseustempel (Volksgarten); 1860 Foto: @ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Bau der Votivkirche. Halbtürme eingerüstet. Oscar Kramer 1865 Foto: @ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Blick auf die Kirche von erhöhtem Standpunkt aus. Links hinten die Universität in Bau. Wilhelm Burger 1880 Foto: @ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

 

Fertige Votivkirche mit Grundriss 1879

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Orgel 1878 Foto: @Bwag/Commons

Hochaltar Foto: @Bwag/Commons

komplett Ansicht Innen Foto: @Bwag/Commons

 

23 Jahre sollte der Bau dauern. Am 24.4.1879, zum 25. Hochzeitstag von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth wurde sie eingeweiht.

Der Platz, auf dem die Kirche steht, wurde Maximilianplatz genannt. Zur Erinnerung an den 1869 ermordeten Bruder Kaiser Maximilian von Mexiko.

Ein Attentatsversuch mit großen Folgen für die beteiligten Personen, aber auch für Wien – denn ohne diesem hätte es die Votivkirche nicht gegeben.

Wie es mit Kaiser Franz Joseph I weiterging, lesen Sie im 3. Teil unserer Serie.

 

~ Marie ~

 


Rechtliche Hinweise:
Textrechte: Marie Festetics, Michaela und Karl Vocelka
Bildrechte: mapio.com, viennatouristguide.at, wien.gv.at, Bwag/Commons, ÖNB, Reinmichl, Alex.ryazantsev, Privat
Es konnten keine weiteren Urheberrechte zu den Bildern festgestellt werden. Sollten wir gegen ein Urheberrecht verstoßen haben, bitten wir um Kontaktaufnahme: sternenkaiserin[at]gmx.at


Literatur Hinweis:

1 – S 98, 2 – S 99, 3 – S 103, 4 – S 103
Michaela und Karl Vocelka
Franz Joseph I Kaiser von Österreich und König von Ungarn
C.H.Beck Verlag, 2015, 1. Auflage

Kaiser Franz Joseph I.
Presse, Geschichte Magazin


 

Ein Kommentar zu “Kaiser Franz Joseph – Libényi Attentat (Teil 2)

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